Wie aus einer Mücke ein Elefant wirdstar

16.03.2012

Ein Lehrer führte mit 6. Primarklässlern eine zweitägige Schulreise mit Übernachtung durch. Um Mitternacht hörte er Lärm und ertappte vier Mädchen, die sich trotz ausdrücklichem Verbot im Knabenzimmer aufhielten. Er packte das nächststehende Mädchen, worauf alle wegrannten. Er rief ihnen „ihr verdammte Weiber“ nach. Die Mädchen alarmierten mit ihren Natels die Eltern, diese die Polizei, die verstand, sofort ausrücken zu müssen. Die Nacht und die Schulreise waren damit gelaufen. – Drei Wochen später kündigte die Schule dem Lehrer fristlos.

Der Lehrer beanstandete die fristlose Kündigung, weshalb das Bundesgericht entscheiden musste. Aber in diesem himmeltraurigen Fall gibt es mehr Facetten als nur gerade die der Kündigung des Pädagogen, der 30 Jahre lang in der gleichen Gemeinde unterrichtet hatte. Verschiedenes lief krumm.

Fehler auf allen Seiten

Alle Details des Ablaufs sind dem Urteil nicht zu entnehmen. Dem Bundesgericht selbst dürfte auch nicht alles bekannt gewesen sein, weil die Ereignisse von den Beteiligten unterschiedlich geschildert wurden. (So sagten die Mädchen aus, der Lehrer hätte das Mädchen mit beiden Händen gewürgt, worauf sie in Panik geraten seien.) Den Zimmerbesuch als solchen bewertete das Gericht als „relativ harmloses Ereignis“.

Unbestritten war der Lehrer alkoholisiert. Ein schwerer Fehler, denn er trug während der ganzen zwei Tage die Verantwortung. Sagte er zuerst aus, mit seiner Begleiterin einen halben Rotwein getrunken zu haben, waren es effektiv Grappa, Weiss- und Rotwein. Er neigte offenbar zu Unbeherrschheiten, denn er musste vor zwei Jahren wegen Handgreiflichkeiten ermahnt werden. Vor diesem Hintergrund waren sein Tätlichkeit am besagten Abend und seine verbale Entgleisung nicht entschuldbar, auch wenn ihn die besondere Situation überrascht haben sollte. Er musste ja geahnt haben, dass etwas zwischen Buben und Mädchen passieren könnte, wenn er die gegenseitigen Zimmerbesuche speziell erwähnte und ausdrücklich verbot.

Auf der andern Seite ist nicht so recht nachvollziehbar, dass die Mädchen massiv eingeschüchtert gewesen sein sollen. Diese wussten vom Verbot und reagierten eher wehleidig. Möglicherweise wäre die Sache in diesem Zeitpunkt noch einzurenken gewesen. Aber die Orientierung der Eltern in der Ferne, die die Polizei in Trab setzten, liess die Sache aus dem Ruder laufen. Sie wurde publik. In der Folge weigerten sich betroffene Eltern, ihre Kinder zu diesem Lehrer in die Schule gehen zu lassen.

Kündigung zu spät?

Eine fristlose Kündigung muss „sofort“ nach dem Vorfall ausgesprochen werden. In der Regel heisst dies in der Privatwirtschaft innert 2-3 Tagen, bei einem grösseren Betrieb, bei dem erst ein Verwaltungsrat zusammengetrommelt werden muss, innert längstens einer Woche. In einem öffentlich-rechtlichen Anstellungsverhältnis, bei dem eine Kündigung mit Verfügung (mit rechtlichem Gehör) erlassen wird, darf das Verfahren länger dauern, denn in einer Verwaltung gibt es spezielle Verfahrensabläufe, erst recht, wenn noch nähere Abklärungen nötig sind. Deshalb hat das Bundesgericht die fristlose Kündigung geschützt.

Ernst Kistler, Rechtsanwalt und Notar